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28. Juni 2026 5 Min.

Den Sachverhalt richtig lesen

Du kennst es wahrscheinlich: Du bekommst den Sachverhalt, liest die ersten Zeilen und hast zunächst überhaupt keine Ahnung, worauf der Fall hinauswill. Nach zwei Seiten wird es nicht unbedingt besser. Irgendwann fängst du an, Stellen zu markieren – und am Ende ist gefühlt der halbe Sachverhalt bunt.

Gerade bei längeren Klausuren ist das ein Problem. Denn bevor du überhaupt mit der rechtlichen Prüfung anfangen kannst, musst du erst einmal verstehen, was im Fall eigentlich passiert ist.

Und genau deshalb ist das Lesen des Sachverhalts so wichtig.

Nicht einfach nur lesen

Beim Lesen einer Klausur solltest du nicht versuchen, dir jedes Detail wortwörtlich zu merken. Viel wichtiger ist, dass du einen Überblick bekommst.

Wer sind die beteiligten Personen?

Was ist passiert?

Wer möchte am Ende was von wem?

Und vor allem: Warum ist das überhaupt ein juristischer Fall?

Gerade die letzte Frage hilft dir dabei, die relevanten Informationen herauszufiltern.

Wenn beispielsweise A von B 5.000 € verlangt, solltest du beim Lesen schon darauf achten, woher diese Forderung kommen könnte. Gab es einen Vertrag? Wurde etwas nicht bezahlt? Ist ein Schaden entstanden? Wurde eine Leistung nicht erbracht?

Du musst die Lösung an dieser Stelle noch nicht kennen. Es reicht zunächst, wenn du erkennst, in welche Richtung du später prüfen musst.

Die Fallfrage zuerst lesen

Ich würde dir empfehlen, die Fallfrage nicht erst ganz am Ende anzuschauen.

Lies sie direkt am Anfang.

Wenn dort beispielsweise steht:

„Kann A von B Zahlung von 5.000 € verlangen?“

weißt du beim anschließenden Lesen schon, worauf du achten solltest.

Du suchst dann automatisch nach den Informationen, die für einen möglichen Anspruch relevant sein können.

Das macht gerade bei sehr langen Sachverhalten einen großen Unterschied. Du liest den Fall nicht mehr einfach von vorne bis hinten, sondern bereits mit einer bestimmten Frage im Hinterkopf.

Trotzdem solltest du dich nicht zu früh festlegen. Nur weil nach einem Zahlungsanspruch gefragt wird, bedeutet das nicht automatisch, dass ein Anspruch aus einem Vertrag besteht. Vielleicht gibt es gar keinen wirksamen Vertrag. Vielleicht ist der Anspruch bereits erloschen oder B hat eine Einwendung.

Die Fallfrage gibt dir also eine Richtung vor – die Lösung musst du trotzdem selbst erarbeiten.

Markieren – aber mit System

Markierungen können beim Lesen sehr hilfreich sein. Sie sollten dir später aber tatsächlich helfen und nicht einfach nur schön aussehen.

Besonders interessant sind beispielsweise:

  • Vertragsschlüsse und Vereinbarungen — Wer hat mit wem was vereinbart?
  • Erklärungen — Was haben A, B oder andere Beteiligte ausdrücklich gesagt oder erklärt?
  • Zeitpunkte — Wann wurde etwas vereinbart, geliefert, bezahlt, gemahnt oder gekündigt?
  • Handlungen — Was haben die Beteiligten anschließend tatsächlich gemacht?
  • Besondere Umstände — Gab es beispielsweise Kenntnis, Täuschung, Drohung, einen Irrtum oder besondere Umstände bei der Durchführung des Geschäfts?

Ich würde allerdings nicht anfangen, jedes wichtige Verb und jede Zahl zu markieren. Wenn am Ende fast jeder Satz unterstrichen ist, hast du wenig gewonnen.

Markiere lieber so, dass du beim späteren Schreiben schnell wiederfindest, was für dein Problem wichtig sein könnte.

Zahlen und Zeitangaben nicht überlesen

Gerade Zeitangaben werden in Klausuren gerne unterschätzt.

„Am 1. Mai …“
„Am 15. Mai …“
„Eine Woche später …“
„Nachdem B bereits gemahnt worden war …“

Solche Angaben sind selten zufällig.

Im Zivilrecht kann beispielsweise entscheidend sein, wann ein Anspruch fällig geworden ist, wann eine Mahnung erfolgt ist oder wann eine Frist abgelaufen ist.

Deshalb kann es sich lohnen, bei längeren Fällen kurz eine eigene Zeitleiste zu machen.

Zum Beispiel:

  • 01.05. – Vertragsschluss
  • 10.05. – vereinbarter Liefertermin
  • 11.05. – Mahnung
  • 20.05. – weiterhin keine Lieferung

Allein dadurch wird der Fall häufig schon deutlich übersichtlicher.

Achte auf Formulierungen, die nach einem Problem aussehen

Beim Lesen solltest du außerdem aufmerksam werden, wenn der Sachverhalt bestimmte Formulierungen verwendet.

Zum Beispiel:

  • „A wusste, dass …“
  • „B irrte sich über …“
  • „A erklärte ausdrücklich …“
  • „B reagierte trotz mehrfacher Aufforderung nicht.“
  • „Ohne dass A davon wusste …“
  • „Erst später erfuhr B …“

Solche Formulierungen können für die spätere Prüfung relevant sein.

Das bedeutet nicht, dass du bei jedem Wort sofort ein juristisches Problem konstruieren musst. Aber wenn dir beim Lesen eine Formulierung auffällt, bei der du denkst „Warum steht das hier eigentlich?“, solltest du sie zumindest im Hinterkopf behalten.

Sehr häufig liegt genau dort später ein Problem.

„Wer will was von wem?“ – wirklich hilfreich

Diesen Satz hast du im Jurastudium wahrscheinlich schon hundertmal gehört. Trotzdem lohnt es sich, ihn ernst zu nehmen.

Schreib dir am Anfang ruhig einmal auf:

A will 5.000 € von B.

Damit hast du deinen Ausgangspunkt.

Danach kannst du überlegen:

Welche Anspruchsgrundlagen kommen dafür überhaupt in Betracht?

  • Vielleicht § 433 Abs. 2 BGB.
  • Vielleicht Schadensersatz.
  • Vielleicht Bereicherungsrecht.
  • Vielleicht mehrere Möglichkeiten.

Erst wenn du diese Richtung kennst, solltest du dich an die konkrete Prüfung machen.

Du musst beim ersten Lesen noch keine Lösung haben

Das ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte.

Viele Studierende machen sich beim Lesen unnötig Druck. Nach der ersten Seite haben sie noch keine Anspruchsgrundlage gefunden und denken sofort:

„Ich habe keine Ahnung, was hier geprüft werden soll.“

Das ist völlig normal.

Beim ersten Lesen geht es zunächst darum, den Sachverhalt zu verstehen.

  • Wer ist beteiligt?
  • Was ist passiert?
  • Was möchte die Person am Ende?
  • Welche Informationen könnten wichtig sein?

Die genaue juristische Prüfung kommt danach.

Wenn du versuchst, schon während des ersten Lesens die komplette Lösung zu entwickeln, passiert häufig das Gegenteil: Du übersiehst Informationen, weil du dich zu sehr auf deine erste Idee konzentrierst.

Ein zweiter Blick lohnt sich

Bei einem längeren Sachverhalt würde ich deshalb tatsächlich zweimal lesen.

Beim ersten Durchgang geht es um den Überblick.

Beim zweiten Durchgang kannst du genauer hinschauen:

  • Welche Tatsachen brauche ich für meine Prüfung?
  • Welche Erklärungen wurden abgegeben?
  • Welche Daten sind wichtig?
  • Wo könnten Probleme liegen?

Oft fallen einem beim zweiten Lesen plötzlich Dinge auf, die beim ersten Durchgang völlig untergegangen sind.

Das ist keine verlorene Zeit. Im Gegenteil: Ein paar Minuten mehr beim Lesen können dir später sehr viel Zeit sparen.

Und was ist mit Informationen, die scheinbar unwichtig sind?

Hier solltest du ein bisschen vorsichtig sein.

Natürlich enthält ein Klausursachverhalt auch Informationen, die für deine konkrete Prüfung keine große Rolle spielen. Trotzdem solltest du nicht schon beim ersten Lesen entscheiden:

„Das brauche ich nicht.“

Wenn du eine Information nicht einordnen kannst, lass sie zunächst stehen.

Vielleicht wird sie später relevant.

Gerade im Examen ist es gefährlich, den Sachverhalt nur nach dem eigenen ersten Lösungsansatz zu lesen. Wenn du dich einmal auf eine bestimmte Anspruchsgrundlage festgelegt hast, besteht schnell die Gefahr, dass du alles andere ausblendest.

Bleib deshalb offen, bis du den Fall wirklich verstanden hast.

Mein Tipp für die nächste Klausur

Wenn du das nächste Mal einen neuen Sachverhalt bekommst, probiere einmal folgende Reihenfolge aus:

  • 1. Fallfrage lesen. — Was soll ich überhaupt herausfinden?
  • 2. Sachverhalt einmal komplett lesen. — Noch keine ausführliche Prüfung beginnen.
  • 3. Beteiligte und Begehren klären. — Wer will was von wem?
  • 4. Relevante Tatsachen markieren. — Vor allem Erklärungen, Verträge, Zeitpunkte, Zahlungen und besondere Umstände.
  • 5. Zeitlichen Ablauf ordnen. — Gerade bei längeren Fällen kann eine kleine Zeitleiste helfen.
  • 6. Erst jetzt Anspruchsgrundlagen und Probleme sammeln. — Wo könnte der Fall schwierig werden?
  • 7. Dann erst mit der eigentlichen Prüfung beginnen.

So vermeidest du, dass du dich bereits auf den ersten Seiten in einzelnen Details verlierst.

Zum Schluss

Der Sachverhalt ist die Grundlage deiner gesamten Klausur. Wenn du ihn nicht richtig erfasst, kann auch die beste juristische Prüfung am Ende nicht mehr viel retten.

Deshalb lohnt es sich, das Lesen von Sachverhalten genauso zu trainieren wie die eigentliche Falllösung.

Mit der Zeit wirst du merken, dass du bestimmte Formulierungen schneller erkennst und ein besseres Gefühl dafür bekommst, welche Informationen wahrscheinlich wichtig sind.

Und genau das macht Klausuren irgendwann deutlich entspannter.

Also: Nicht sofort losschreiben. Erst einmal lesen, verstehen und sortieren. Dann prüfen.