Mit KI Jura lernen — sinnvoll oder gefährlich?
Du sitzt seit einer Stunde an einem Fall, verstehst den Meinungsstreit nicht und hast das Gefühl, dass dein Lehrbuch die Sache unnötig kompliziert erklärt.
Also öffnest du ChatGPT, gibst deine Frage ein und bekommst innerhalb weniger Sekunden eine verständliche Erklärung.
Das klingt zunächst ziemlich praktisch.
Gerade im Jurastudium, in dem du ständig mit neuen Definitionen, komplizierten Streitständen und umfangreichen Sachverhalten konfrontiert wirst, kann künstliche Intelligenz eine echte Hilfe sein.
Aber wie sinnvoll ist es eigentlich, mit KI Jura zu lernen?
Und vor allem: Kannst du dich darauf verlassen, was dir ChatGPT und andere KI-Tools erklären?
Ich würde sagen: KI kann dir beim Lernen durchaus helfen. Allerdings kommt es sehr darauf an, wie du sie verwendest.
KI kann dir schwierige Themen verständlich erklären
Vielleicht kennst du das Problem: Du liest eine Definition im Lehrbuch, verstehst jedes einzelne Wort und weißt trotzdem nicht so richtig, was damit gemeint ist.
Gerade bei abstrakten juristischen Begriffen passiert das häufig.
Hier kann KI ziemlich hilfreich sein.
Stell dir beispielsweise vor, du beschäftigst dich im Strafrecht mit dem Unterschied zwischen dolus eventualis und bewusster Fahrlässigkeit.
Du hast die Definitionen gelernt, kannst die beiden Begriffe aber noch nicht sicher voneinander unterscheiden.
Dann könntest du ChatGPT beispielsweise fragen:
„Erkläre mir den Unterschied zwischen Eventualvorsatz und bewusster Fahrlässigkeit anhand eines einfachen Beispiels. Erkläre anschließend, worauf es bei der Abgrenzung in einer Strafrechtsklausur ankommt.“
Die KI kann dir daraufhin eine Erklärung geben und die Unterschiede anhand eines Beispiels verdeutlichen.
Wenn du etwas nicht verstehst, kannst du direkt nachfragen.
„Kannst du das noch einfacher erklären?“
Oder:
„Kannst du mir ein anderes Beispiel geben?“
Genau darin liegt meiner Meinung nach einer der größten Vorteile.
Du musst nicht lange nach einer anderen Erklärung suchen, sondern kannst gezielt nachfragen, bis du das Problem besser verstanden hast.
Trotzdem solltest du die Erklärung anschließend mit deinen Vorlesungsunterlagen oder einem Lehrbuch abgleichen. Gerade bei juristischen Feinheiten kann die KI nämlich auch Fehler machen.
Lass dir kleine Übungsfälle erstellen
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, KI zum Üben zu verwenden.
Denn gerade im Jurastudium reicht es nicht aus, Definitionen und Streitstände auswendig zu lernen.
Du musst lernen, das Wissen auf einen konkreten Sachverhalt anzuwenden.
Und dafür brauchst du Fälle.
Natürlich solltest du weiterhin mit richtigen Übungsklausuren und Fällen aus deinen Lehrbüchern arbeiten.
Zusätzlich kannst du dir aber von einer KI kleine Übungsfälle erstellen lassen.
Zum Beispiel:
„Erstelle mir einen kurzen Fall zum Zustandekommen eines Kaufvertrags nach §§ 145 ff. BGB. Der Fall soll für Studierende im ersten Semester geeignet sein. Verrate mir die Lösung noch nicht.“
Anschließend versuchst du, den Fall selbst zu lösen.
Wenn du fertig bist, kannst du deine Lösung mit der KI besprechen.
Du könntest beispielsweise fragen:
„Ich habe folgenden Lösungsweg gewählt. Welche Punkte sollte ich noch einmal überprüfen? Stelle mir zunächst Rückfragen, bevor du mir eine Musterlösung zeigst.“
So kannst du dich aktiv mit dem Fall beschäftigen, anstatt dir sofort die vollständige Lösung geben zu lassen.
Allerdings solltest du beachten, dass auch KI-generierte Fälle und Musterlösungen rechtliche Fehler enthalten können.
Deshalb würde ich sie eher als zusätzliche Übungsmöglichkeit verwenden und nicht als Ersatz für sorgfältig erstellte Ausbildungsfälle.
KI kann dich beim Lernen abfragen
Du hast gerade die Voraussetzungen der Anfechtung gelernt und möchtest überprüfen, ob du sie wirklich beherrschst?
Auch dafür kannst du KI verwenden.
Statt deine Unterlagen immer wieder durchzulesen, kannst du dich beispielsweise abfragen lassen.
Eine mögliche Anweisung wäre:
„Prüfe mein Wissen zur Anfechtung von Willenserklärungen im BGB. Stelle mir immer nur eine Frage und warte auf meine Antwort. Gib mir anschließend Feedback und stelle die nächste Frage.“
Das ist besonders praktisch, wenn du alleine lernst und gerade niemanden hast, der dich abfragen kann.
Du kannst dir außerdem Karteikarten oder kleine Verständnisfragen erstellen lassen.
Wichtig ist aber, dass du die Fragen auch tatsächlich selbst beantwortest.
Wenn du bei jeder schwierigen Frage sofort nach der Lösung fragst, bringt dir das langfristig wahrscheinlich weniger.
Versuche lieber, dich zunächst selbst an die Antwort zu erinnern.
Auch wenn du dabei Fehler machst.
Gerade dadurch merkst du nämlich, welche Themen du bereits beherrschst und wo du noch Schwierigkeiten hast.
Du kannst mit KI deine Subsumtion trainieren
Die Subsumtion gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten in einer Jura-Klausur.
Gleichzeitig fällt sie vielen Studierenden besonders schwer.
Du kennst vielleicht die Definition einer bestimmten Voraussetzung, weißt aber nicht genau, wie du sie auf den Sachverhalt anwenden sollst.
Hier kannst du KI gezielt als Übungspartner einsetzen.
Stell dir vor, du bearbeitest einen Fall zum Diebstahl gemäß § 242 Abs. 1 StGB.
Du hast bereits geprüft, dass es sich um eine fremde bewegliche Sache handelt, und möchtest jetzt die Wegnahme untersuchen.
Du könntest der KI schreiben:
„Gib mir einen kurzen Sachverhalt zum Merkmal der Wegnahme beim Diebstahl. Ich möchte selbst eine Subsumtion formulieren. Zeige mir die Lösung erst, nachdem ich meine Antwort geschrieben habe.“
Anschließend formulierst du deine eigene Prüfung.
Danach kannst du die KI bitten, dir Hinweise zu geben.
Zum Beispiel:
„Überprüfe, ob ich die Definition richtig auf den Sachverhalt angewendet habe. Achte besonders darauf, ob meine Begründung nachvollziehbar ist und ob ich wichtige Tatsachen berücksichtigt habe.“
Das kann eine sinnvolle Ergänzung zum normalen Klausurtraining sein.
Du solltest dich allerdings nicht blind auf die Bewertung der KI verlassen.
Nur weil ChatGPT dir sagt, dass deine Subsumtion gut ist, bedeutet das nicht automatisch, dass ein Korrektor sie genauso bewerten würde.
Gerade bei schwierigen juristischen Fragen kann die KI Fehler übersehen oder selbst falsche Schwerpunkte setzen.
Wenn du deine Subsumtion grundsätzlich verbessern möchtest, kannst du dir auch meinen Artikel „Subsumtion Schritt für Schritt erklärt“ anschauen.
Vorsicht bei Definitionen, Urteilen und Meinungsstreitigkeiten
So hilfreich KI beim Lernen sein kann, gibt es ein Problem, das du unbedingt kennen solltest.
KI kann falsche Informationen liefern.
Und das teilweise so überzeugend, dass du den Fehler überhaupt nicht bemerkst.
Vielleicht fragst du ChatGPT nach einem bestimmten Meinungsstreit und bekommst eine ausführliche Erklärung mit mehreren Ansichten, Argumenten und einem Ergebnis.
Alles klingt logisch.
Trotzdem kann es sein, dass eine Ansicht falsch dargestellt wird, wichtige Argumente fehlen oder die KI einen Streitstand vermischt.
Besonders vorsichtig solltest du bei konkreten Urteilen, Fundstellen und Gesetzesverweisen sein.
KI-Systeme können beispielsweise Entscheidungen nennen, die gar nicht existieren, oder einem Gericht Aussagen zuschreiben, die es so nicht getroffen hat.
Das wird häufig als „Halluzination“ bezeichnet.
Gerade im Jurastudium ist das problematisch.
Wenn du eine falsche Definition lernst oder einen Meinungsstreit falsch verstehst, kann sich dieser Fehler in deinen späteren Klausuren wiederholen.
Deshalb würde ich dir empfehlen, juristische Inhalte immer anhand verlässlicher Quellen zu überprüfen.
Nutze dafür beispielsweise deine Vorlesungsunterlagen, aktuelle Gesetzestexte, Lehrbücher oder juristische Datenbanken.
KI kann dir beim Verstehen helfen.
Sie sollte aber nicht deine einzige Quelle für juristisches Wissen sein.
Lass dir nicht einfach die komplette Klausur lösen
Eine besonders große Versuchung besteht darin, einen vollständigen Sachverhalt in ChatGPT einzufügen und sich direkt eine Musterlösung erstellen zu lassen.
Das ist natürlich bequem.
Innerhalb kurzer Zeit bekommst du einen möglichen Aufbau, die Prüfung verschiedener Voraussetzungen und vielleicht sogar eine ausführliche Subsumtion.
Das Problem ist nur: Du hast den Fall dann nicht selbst gelöst.
Und genau das musst du in einer Klausur können.
Wenn du dir regelmäßig vollständige Lösungen erstellen lässt, kann schnell der Eindruck entstehen, dass du den Stoff eigentlich ganz gut beherrschst.
Schließlich verstehst du die Lösung, wenn du sie liest.
Aber eine fertige Lösung nachzuvollziehen ist etwas anderes, als selbst auf die Lösung zu kommen.
Deshalb würde ich dir empfehlen, KI erst dann einzusetzen, wenn du dich bereits eigenständig mit dem Fall beschäftigt hast.
Erstelle zunächst eine Lösungsskizze.
Überlege dir, welche Anspruchsgrundlagen oder Straftatbestände in Betracht kommen.
Versuche, die relevanten Probleme selbst zu erkennen.
Wenn du anschließend an einer bestimmten Stelle nicht weiterkommst, kannst du gezielt nachfragen.
So verwendest du KI als Unterstützung, ohne dir die eigentliche Denkarbeit abnehmen zu lassen.
Gerade wenn du dich auf das Examen vorbereitest, ist das besonders wichtig.
Denn in der Examensklausur musst du schließlich auch ohne ChatGPT zurechtkommen.
KI kann dir beim Erstellen eines Lernplans helfen
Nicht nur bei juristischen Inhalten, sondern auch bei der Organisation deiner Klausurvorbereitung kann KI hilfreich sein.
Vielleicht hast du in sechs Wochen drei Klausuren und weißt nicht genau, wie du den Stoff sinnvoll aufteilen sollst.
Dann kannst du dir einen ersten Lernplan erstellen lassen.
Zum Beispiel:
„Ich schreibe in sechs Wochen Klausuren im Schuldrecht AT, Strafrecht AT und Staatsorganisationsrecht. Ich kann an fünf Tagen pro Woche jeweils vier Stunden lernen. Erstelle mir einen Lernplan, der Wiederholungen und das Lösen von Fällen berücksichtigt.“
Du bekommst dann einen Vorschlag, den du an deine persönlichen Bedürfnisse anpassen kannst.
Das kann dir helfen, überhaupt erst einmal Struktur in deine Vorbereitung zu bringen.
Allerdings solltest du den Plan nicht einfach ungeprüft übernehmen.
Du weißt schließlich selbst am besten, welche Themen dir schwerfallen, wie viel Zeit du tatsächlich hast und wie du am effektivsten lernst.
Ein Lernplan ist nur dann sinnvoll, wenn du ihn im Alltag auch umsetzen kannst.
Außerdem solltest du genügend Zeit für Wiederholungen und das eigenständige Lösen von Klausuren einplanen.
Was du bei der Nutzung von KI außerdem beachten solltest
Neben der inhaltlichen Zuverlässigkeit gibt es noch zwei Dinge, die du nicht vergessen solltest.
Zum einen solltest du vorsichtig damit sein, welche Informationen du in ein KI-Tool eingibst.
Wenn du beispielsweise mit echten Mandantenunterlagen, personenbezogenen Daten oder vertraulichen Informationen arbeitest, solltest du diese nicht einfach in einen öffentlichen KI-Chat kopieren.
Für das normale Lernen mit selbst erstellten Beispielen ist das meistens kein Problem. Bei vertraulichen Unterlagen sieht die Sache dagegen anders aus.
Zum anderen solltest du die Vorgaben deiner Universität beachten.
Gerade bei Hausarbeiten und anderen Prüfungsleistungen kann geregelt sein, ob und in welchem Umfang du KI verwenden darfst.
Vielleicht darfst du sie zur sprachlichen Überarbeitung nutzen, musst ihre Verwendung aber angeben.
Vielleicht gelten auch strengere Regeln.
Informiere dich deshalb immer über die konkreten Vorgaben deiner Universität und deiner Prüfungsordnung.
Mein Tipp für das Lernen mit KI
Wenn du KI in deinem Jurastudium verwenden möchtest, würde ich dir folgende Vorgehensweise empfehlen:
- 1. Beschäftige dich zuerst selbst mit dem Thema. — Lies deine Unterlagen und versuche, die Grundlagen zu verstehen.
- 2. Nutze KI für konkrete Verständnisfragen. — Lass dir schwierige Begriffe oder Zusammenhänge erklären.
- 3. Lass dich abfragen. — Versuche, Fragen zunächst selbst zu beantworten, bevor du dir die Lösung zeigen lässt.
- 4. Übe mit kleinen Fällen. — Nutze KI, um zusätzliche Übungsmöglichkeiten zu bekommen.
- 5. Formuliere deine Lösungen selbst. — Lass dir nicht direkt den vollständigen Gutachtenstil vorgeben.
- 6. Überprüfe juristische Aussagen. — Besonders Definitionen, Streitstände, Gesetzesverweise und Urteile solltest du mit verlässlichen Quellen abgleichen.
- 7. Löse regelmäßig Klausuren ohne KI. — Nur so kannst du überprüfen, ob du das Gelernte auch eigenständig anwenden kannst.
Du musst KI natürlich nicht für jeden dieser Schritte verwenden.
Vielleicht hilft sie dir besonders beim Verstehen komplizierter Themen.
Vielleicht nutzt du sie lieber, um dich abfragen zu lassen.
Wichtig ist, dass du herausfindest, an welchen Stellen sie deinen Lernprozess tatsächlich verbessert.
Zum Schluss
Ich glaube, dass KI eine sinnvolle Ergänzung zum Jurastudium sein kann.
Gerade wenn du alleine lernst, eine Erklärung nicht verstehst oder zusätzliche Übungsfragen brauchst, können ChatGPT und ähnliche Tools ziemlich praktisch sein.
Trotzdem solltest du dir bewusst machen, dass KI kein juristisches Verständnis ersetzt.
Sie kann dir erklären, wie eine Subsumtion funktioniert.
Sie kann dir Beispiele geben und dir Fragen stellen.
Aber sie kann dir nicht die Fähigkeit abnehmen, einen unbekannten Sachverhalt eigenständig zu analysieren und eine überzeugende juristische Lösung zu entwickeln.
Und genau darauf kommt es in deinen Klausuren an.
Deshalb würde ich KI nicht als Ersatz für Lehrbücher, Vorlesungen oder das eigenständige Lösen von Fällen betrachten.
Nutze sie lieber als zusätzliches Werkzeug.
Denn am Ende bringt es dir wenig, wenn ChatGPT einen Fall perfekt lösen könnte, du selbst aber nicht weißt, wie du anfangen sollst.
Also: Lass dir von KI beim Lernen helfen. Aber überlass ihr nicht das Denken.