Die häufigsten Fehler in Jura-Klausuren — und wie du sie vermeidest
Du kennst es wahrscheinlich: Du hast dich wochenlang auf eine Klausur vorbereitet, Definitionen gelernt, Streitstände wiederholt und vielleicht sogar einige Fälle gelöst. Eigentlich hast du das Gefühl, den Stoff ganz gut zu beherrschen.
Dann bekommst du deine Klausur zurück – und die Note ist deutlich schlechter als erwartet.
Natürlich kann es daran liegen, dass dir an manchen Stellen das notwendige Wissen gefehlt hat. Häufig liegt das Problem aber auch ganz woanders.
Denn in Jura-Klausuren kommt es nicht nur darauf an, was du weißt. Entscheidend ist vor allem, wie du dein Wissen auf den konkreten Fall anwendest.
Und genau dabei passieren immer wieder dieselben Fehler.
Du fängst zu früh mit dem Schreiben an
Einer der häufigsten Fehler passiert bereits ganz am Anfang der Klausur.
Du liest den Sachverhalt, erkennst ein Problem, das du aus der Vorlesung oder einer Übungsklausur kennst, und möchtest am liebsten sofort losschreiben.
Schließlich weißt du ja, worum es geht.
Das Problem ist nur: Vielleicht geht es in der Klausur gar nicht hauptsächlich um dieses Problem.
Wenn du dich zu früh auf einen bestimmten Lösungsweg festlegst, übersiehst du schnell andere Informationen im Sachverhalt.
Vielleicht gibt es noch eine weitere Anspruchsgrundlage. Vielleicht wird später eine wichtige Erklärung abgegeben. Oder ein bestimmter Zeitpunkt verändert die rechtliche Bewertung.
Deshalb würde ich dir empfehlen, nicht sofort mit dem Schreiben anzufangen.
Lies zunächst die Fallfrage und anschließend den gesamten Sachverhalt. Überlege dir, welche rechtlichen Fragen überhaupt zu prüfen sind, und erstelle eine Lösungsskizze.
Das kostet am Anfang etwas Zeit. Dafür vermeidest du, dass du nach der Hälfte deiner Klausur feststellst, dass dein Aufbau eigentlich nicht funktioniert.
Wie du dabei vorgehen kannst, habe ich bereits in meinem Artikel „Den Sachverhalt richtig lesen“ erklärt.
Du schreibst zu viel zu unproblematischen Punkten
Gerade wenn du dir bei einem Prüfungspunkt besonders sicher bist, möchtest du häufig möglichst viel dazu schreiben.
Du kennst die Definition, weißt genau, welche Voraussetzungen vorliegen müssen, und kannst alles ausführlich erklären.
Das fühlt sich zunächst gut an.
In einer Klausur kann es aber zum Problem werden.
Stell dir beispielsweise vor, du prüfst einen Anspruch aus § 433 Abs. 2 BGB.
Im Sachverhalt steht ausdrücklich, dass A und B einen wirksamen Kaufvertrag über ein Fahrrad geschlossen haben.
Wenn es keine Anhaltspunkte für Probleme beim Vertragsschluss gibt, musst du nicht ausführlich erklären, wie Angebot und Annahme funktionieren.
Du kannst den wirksamen Kaufvertrag dann relativ kurz feststellen.
Anders sieht es aus, wenn beispielsweise fraglich ist, ob überhaupt ein wirksames Angebot vorliegt oder ob eine Willenserklärung angefochten wurde.
Dann solltest du genauer prüfen.
Das Schwierige ist also nicht unbedingt, möglichst viel zu wissen, sondern zu erkennen, an welcher Stelle du dieses Wissen tatsächlich brauchst.
Ich würde dir deshalb empfehlen, bei jedem Prüfungspunkt kurz zu überlegen:
- Ist das hier wirklich problematisch?
- Gibt der Sachverhalt Hinweise auf eine rechtliche Schwierigkeit?
- Muss ich diesen Punkt ausführlich begründen oder reicht eine kurze Feststellung?
Gerade diese Schwerpunktsetzung macht bei längeren Klausuren einen großen Unterschied.
Du kennst die Definition, aber subsumierst nicht richtig
Ein weiterer typischer Fehler ist eine zu knappe Subsumtion.
Viele Studierende lernen Definitionen auswendig und können sie in der Klausur problemlos wiedergeben.
Sobald sie die Definition aber auf den Sachverhalt anwenden müssen, wird es schwierig.
Ein Beispiel:
A nimmt das Fahrrad des B an sich, weil er es dauerhaft behalten möchte.
Du prüfst eine Strafbarkeit wegen Diebstahls gemäß § 242 Abs. 1 StGB und kommst zur Zueignungsabsicht.
Jetzt schreibst du:
„A hatte Zueignungsabsicht, da er sich das Fahrrad zueignen wollte.“
Das klingt auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so falsch.
Tatsächlich hast du aber kaum etwas geprüft. Du behauptest im Grunde nur, dass die Voraussetzung erfüllt ist.
Besser wäre es, genauer auf den Sachverhalt einzugehen.
A möchte das Fahrrad dauerhaft behalten. Er will B also dauerhaft aus dessen Eigentümerposition verdrängen und das Fahrrad zugleich seinem eigenen Vermögen zumindest vorübergehend einverleiben.
Daraus lässt sich die erforderliche Zueignungsabsicht ableiten.
Der Unterschied liegt darin, dass du das Ergebnis nicht einfach behauptest, sondern anhand des Sachverhalts begründest.
Und genau darum geht es bei der Subsumtion.
Du musst zeigen, warum eine bestimmte Voraussetzung erfüllt ist oder eben nicht.
Wenn dir das noch schwerfällt, kannst du dir auch meinen Artikel „Subsumtion Schritt für Schritt erklärt“ anschauen.
Du bringst jeden Meinungsstreit unter, den du gelernt hast
Meinungsstreitigkeiten gehören zum Jurastudium.
Gerade in der Klausurvorbereitung verbringt man häufig viel Zeit damit, verschiedene Ansichten und die dazugehörigen Argumente zu lernen.
Deshalb ist die Versuchung groß, dieses Wissen in der Klausur auch unbedingt unterzubringen.
Aber nicht jeder Meinungsstreit, den du kennst, muss in deiner Klausur ausführlich dargestellt werden.
Entscheidend ist zunächst, ob die unterschiedlichen Ansichten für den konkreten Fall überhaupt relevant sind.
Stell dir vor, du hast zwei Auffassungen zu einer bestimmten Rechtsfrage gelernt.
Beide führen im konkreten Sachverhalt zum gleichen Ergebnis.
Dann musst du normalerweise keine ausführliche Streitentscheidung führen.
Anders sieht es aus, wenn die eine Auffassung dazu führt, dass ein Anspruch besteht, während die andere den Anspruch ablehnt.
Dann kommt es tatsächlich darauf an, welche Ansicht du für überzeugender hältst.
Wichtig ist außerdem, dass du nicht einfach nur auswendig gelernte Argumente aneinanderreihst.
Versuche zu verstehen, warum die unterschiedlichen Auffassungen vertreten werden und welche Argumente im konkreten Fall besonders relevant sind.
Eine gute Streitentscheidung ist keine Sammlung möglichst vieler Argumente.
Sie soll zeigen, dass du das rechtliche Problem verstanden hast und nachvollziehbar lösen kannst.
Du verwendest den Gutachtenstil an den falschen Stellen
Den Gutachtenstil lernst du meistens schon ganz am Anfang deines Studiums.
Trotzdem bereitet er vielen Studierenden auch später noch Schwierigkeiten.
Ein typischer Fehler besteht darin, Ergebnisse einfach festzustellen, obwohl eigentlich eine ausführliche Prüfung notwendig wäre.
Zum Beispiel:
„A und B haben einen wirksamen Kaufvertrag geschlossen.“
Wenn der Vertragsschluss problematisch ist, reicht diese Aussage natürlich nicht.
Du müsstest dann zunächst prüfen, ob zwei übereinstimmende Willenserklärungen vorliegen und ob möglicherweise rechtliche Hindernisse bestehen.
Genauso problematisch kann aber das Gegenteil sein.
Manche Studierende versuchen, wirklich jeden einzelnen Prüfungspunkt ausführlich im Gutachtenstil zu formulieren.
Auch dann, wenn völlig offensichtlich ist, dass die Voraussetzung erfüllt ist.
Dadurch wird die Klausur unnötig lang und du verlierst Zeit, die du an anderer Stelle dringend brauchst.
Deshalb solltest du lernen, zwischen problematischen und unproblematischen Prüfungspunkten zu unterscheiden.
Bei schwierigen Fragen ist eine ausführliche Prüfung wichtig.
Bei eindeutigen Voraussetzungen kannst du dich dagegen deutlich kürzer fassen.
Wann du welchen Stil verwenden solltest, erkläre ich genauer in meinem Artikel „Gutachtenstil vs. Urteilsstil – wann benutzt du was?“.
Du verlierst zu viel Zeit bei den ersten Prüfungspunkten
Vielleicht kennst du auch diese Situation:
Du beginnst deine Klausur, bist zunächst zufrieden mit deiner Lösung und formulierst alles möglichst ausführlich.
Dann schaust du irgendwann auf die Uhr.
Die Hälfte der Bearbeitungszeit ist bereits vorbei und du hast noch nicht einmal die Hälfte deiner Lösung geschrieben.
Jetzt wirst du nervös.
Du versuchst, schneller zu schreiben, kürzt wichtige Prüfungen ab oder schaffst es am Ende überhaupt nicht mehr, alle Fragen zu beantworten.
Das ist besonders ärgerlich, wenn du die fehlenden Prüfungspunkte eigentlich hättest lösen können.
Deshalb solltest du dir schon vor dem Schreiben überlegen, wie du deine Zeit einteilen möchtest.
Eine Lösungsskizze hilft dir dabei, den Umfang der Klausur besser einzuschätzen.
Wenn du bereits weißt, dass später noch ein umfangreicher Prüfungspunkt kommt, kannst du deine Zeit entsprechend planen.
Außerdem würde ich dir empfehlen, regelmäßig Klausuren unter echten Zeitbedingungen zu schreiben.
Es macht nämlich einen großen Unterschied, ob du einen Fall zu Hause ohne Zeitdruck löst oder innerhalb einer festen Bearbeitungszeit eine vollständige Klausur schreiben musst.
Du schaust dir deine korrigierten Klausuren nicht richtig an
Dieser Fehler passiert eigentlich erst nach der Klausur.
Du bekommst deine Arbeit zurück, schaust auf die Note und bist vielleicht enttäuscht.
Dann liest du dir noch kurz die Korrekturanmerkungen durch und legst die Klausur zur Seite.
Beim nächsten Mal lernst du einfach noch mehr.
Das Problem dabei ist, dass du möglicherweise gar nicht weißt, warum deine letzte Klausur schlecht ausgefallen ist.
Vielleicht hast du tatsächlich wichtige Definitionen nicht gekannt.
Vielleicht lag es aber auch daran, dass dein Aufbau nicht funktioniert hat, du einen Schwerpunkt falsch gesetzt oder an entscheidenden Stellen zu wenig subsumiert hast.
Wenn du diese Unterschiede nicht erkennst, wirst du bei der nächsten Klausur möglicherweise wieder dieselben Fehler machen.
Deshalb würde ich dir empfehlen, deine korrigierten Klausuren noch einmal systematisch durchzugehen.
Frag dich beispielsweise:
- Welche Probleme habe ich übersehen?
- An welchen Stellen war meine Argumentation zu knapp?
- Habe ich zu viel Zeit für unproblematische Punkte verwendet?
- War mein Aufbau nachvollziehbar?
- Welche Anmerkungen tauchen in meinen Korrekturen immer wieder auf?
Gerade die letzte Frage finde ich besonders wichtig.
Wenn in mehreren Klausuren steht, dass deine Subsumtion zu oberflächlich ist, bringt es dir wahrscheinlich wenig, einfach noch mehr Definitionen auswendig zu lernen.
Dann solltest du gezielt daran arbeiten, wie du juristische Voraussetzungen auf den Sachverhalt anwendest.
Mein Tipp für deine nächste Klausur
Wenn du das nächste Mal eine Jura-Klausur schreibst, versuche einmal, besonders auf folgende Punkte zu achten:
- 1. Lies zuerst die Fallfrage. — So weißt du, worauf du beim Lesen achten solltest.
- 2. Erstelle eine Lösungsskizze. — Überlege dir den Aufbau, bevor du mit dem Schreiben beginnst.
- 3. Setze die richtigen Schwerpunkte. — Nicht jeder Prüfungspunkt muss gleich ausführlich behandelt werden.
- 4. Subsumier sauber. — Begründe deine Ergebnisse anhand der konkreten Informationen aus dem Sachverhalt.
- 5. Stelle nur relevante Meinungsstreitigkeiten dar. — Entscheidend ist, ob die unterschiedlichen Ansichten im Fall tatsächlich eine Rolle spielen.
- 6. Behalte die Zeit im Blick. — Plane ausreichend Zeit für alle wichtigen Prüfungspunkte ein.
- 7. Arbeite deine Klausuren nach. — Versuche herauszufinden, welche Fehler du regelmäßig machst.
Du musst natürlich nicht von heute auf morgen alles perfekt beherrschen.
Gerade die richtige Schwerpunktsetzung und eine gute Subsumtion entwickeln sich erst mit der Zeit.
Aber wenn du bewusst auf diese Dinge achtest, wirst du nach und nach ein besseres Gefühl dafür bekommen, worauf es in einer Jura-Klausur wirklich ankommt.
Zum Schluss
Eine schlechte Klausurnote bedeutet nicht automatisch, dass du den Stoff nicht verstanden hast.
Natürlich brauchst du juristisches Wissen. Ohne die notwendigen Grundlagen wirst du auch mit der besten Klausurtechnik nicht weit kommen.
Aber genauso wichtig ist es, dieses Wissen richtig einzusetzen.
Du musst erkennen, welche Probleme der Sachverhalt aufwirft, wie du deine Prüfung sinnvoll aufbaust und an welchen Stellen eine ausführliche Argumentation erforderlich ist.
Deshalb würde ich dir empfehlen, bei deiner Klausurvorbereitung nicht nur auf das Lernen von Definitionen und Streitständen zu setzen.
Übe auch regelmäßig, vollständige Fälle zu lösen und deine Gedanken juristisch sauber zu formulieren.
Und vor allem: Schau dir deine Fehler genau an.
Denn häufig ist es nicht das zusätzliche Wissen, das dir zur besseren Klausur fehlt, sondern die Fähigkeit, das vorhandene Wissen richtig anzuwenden.
Also: Nicht einfach nur mehr lernen. Sondern gezielt daran arbeiten, wie du Klausuren löst.